Archiv für den Monat Juli 2015

Höhlenfunde am Döppersberg

Bei der Meldung von Höhlenfunden am Döppersberg dürfte der eine oder andere Leser geneigt sein, sich zu vergewissern, dass diese Nachricht nicht vom 1. April stammt. Immerhin ist der Döppersberg im Zentrum von Wuppertal-Elberfeld umfangreich bebaut und das auch mit einem Tiefbunker und dem ehemaligen Fußgängertunnel in die Tiefe. Bei dem nun stattfindenden, nicht ganz unumstrittenen Umbau handelt es sich um eine der größten Baumaßnahmen, die derzeit in Nordrhein-Westfalen abgewickelt wird. Damit verbunden ist eine mehrjährige Komplettsperrung und Tieferlegung der durch die Talachse laufenden Bundesstraße 7.

Begehung Döppersberg Baustelle AKKH, Wuppertal 2015-06-19
Baufeld am Döppersberg Mitte Juni: Mit der Verlegung der Abwasserleitungen wird in etwa der tiefste Punkt erreicht. Foto: G. Lintl

Am Döppersberg befindet sich Gestein der Oberen Honseler Schichten aus der Zeit des oberen Mitteldevons. Diese Schicht wird vornehmlich von Tonschiefern und Grauwacken gebildet, die einen mehr oder minder hohen Kalkgehalt haben können. Daneben treten auch Einlagerungen von reinem Kalk auf, die aus Korallen- und Stromatoporenriffen entstanden sind. Gerade diese lokalen Kalklinsen sind oft sehr stark verkarstet und haben Höhlen gebildet. In den gleichen Oberen Honseler Schichten liegen in nur ca. 1,5 km Entfernung vom Döppersberg mit den Hardthöhlen immerhin die längsten Höhlen des Rheinlands. Trotzdem soll gutachterlich erklärt worden sein, dass sich am Döppersberg keine Höhlen befinden. In Anbetracht der vorgenannten Gegebenheiten eine sicherlich steile These. Auch der Glaube, dass sich südlich der Wupper keine Höhlen gebildet haben, ist geologisch nicht begründbar. Ein Beispiel ist die bereits vor langer Zeit zerstörte Zwergenhöhle an der Kluse.

Begehung Döppersberg Baustelle AKKH, Wuppertal 2015-06-19
Am Südhang der Baugrube unterhalb der ehemaligen Bahndirektion wird der Kalkstein von Tonschiefer überlagert. Foto: G. Lintl

Mit der weiteren Vertiefung der Baugrube wurde von einem aufmerksamen Mitglied des Arbeitskreises Kluterthöhle e.V. registiert, dass Kalkstein angeschnitten worden war. Auch wurde der vermehrte, unplanmäßige Verbrauch von Flüssigbeton bekannt, der im Untergrund die gesetzten Anker verfestigen soll. Unter Vermittlung des Umweltressorts der Stadt Wuppertal durften zwei Mitgliedern des AKKH am 19. Juni die Baustelle zur Höhlensuche betreten. Zur Überraschung der Bauleitung wurde zunächst am südlichen Hang der Baugruppe unterhalb der ehemaligen Bahndirektion eine erste Höhle entdeckt.

Begehung Döppersberg Baustelle AKKH, Wuppertal 2015-06-19
Der Zugang zur Döppersberghöhle I war zunächst nur unscheinbar. Foto: G. Lintl
Begehung Döppersberg Baustelle AKKH, Wuppertal 2015-06-19
Durch Einsatz von schwerem Gerät wurde das Portal schnell vergrößert. Foto: G. Lintl

Schnell wurde klar, wohin der Flüssigbeton verschwunden war. Trotzdem war noch eine Höhle mit Laugformen und Tropfsteinen erhalten geblieben, die vermessen und als Döppersberghöhle I in das Höhlenkataster aufgenommen wurde.

Begehung Döppersberg Baustelle AKKH, Wuppertal 2015-06-19
Aufgrund des geringen Kaltgehalts im Hangenden ist der Tropfsteinschmuck nur bescheiden ausgebildet. Foto: G. Lintl

Eine zweite, tiefer gelegene Höhle (Döppersberghöhle II) wurde im Bereich der neu verlegten Abwasserleitungen entdeckt. Der Lehm zeigte hier, dass das Objekt bei höherem Wasserstand von der Wupper geflutet wurde. So konnte zum ersten Mal eine Höhle mit direkter hydrologischer Verbindung zur Wupper entdeckt werden. Weitere Laugformen im Kanalbereich zeigten, dass auch diese Höhle ursprünglich länger war.

Begehung Döppersberg Baustelle AKKH, Wuppertal 2015-06-19
Auch die Döppersberghöhle II wurde erst durch die Höhlenforscher vom AKKH erkannt. Foto: G. Lintl
Begehung Döppersberg Baustelle AKKH, Wuppertal 2015-06-19
Gut erkennbar sind das Gangprofil und die Laugformen. Foto: G. Lintl

Beide vom AKKH entdeckten Höhlen waren sicherlich vormals länger und standen möglicherweise in Verbindung. Eine intensivere Erforschung war im laufenden Baubetrieb nicht möglich. Mittlerweile sind durch den weiteren Baufortschritt auch die dokumentierten Teile zerstört. Immerhin hatte die Stadt dem AKKH auf Anfrage die Möglichkeit eröffnet, die Höhlen vor der Überbauung aufzunehmen und zu dokumentieren. Die Zerstörung der Höhlen war unter den gegebenen Umständen aufgrund der Überbauung unvermeidbar. Im Höhlenkataster werden die Höhlen als Döppersberghöhle I und II aufgenommen – entdeckt und zerstört im Jahre 2015.

Das Mädchen aus der Blätterhöhle

Neben der klassischen Entdeckung von „Neuland“ können Höhlenforschern auch bedeutende archäologische Funde gelingen. So geschehen im Jahre 2004, als Höhlenforscher des Arbeitskreises Kluterthöhle e.V. in der Blätterhöhle in Hagen u.a. Knochen des „Mädchens aus der Blätterhöhle“ entdeckten.

Zur Entdeckungsgeschichte dieses herausragenden archäologischen Fundes wird verkürzt kolportiert, dass die Höhlenforscher und die hinzugezogenen Archäologen zunächst nicht ahnten, welche Bedeutung ihr Fund erlangen würde. Nun wären die Archäologen auch noch heute ahnungslos, da die Fachleute die Skelettreste aufgrund ihres guten Erhaltungszustandes für nur wenige 100 Jahre alt hielten. Deshalb war auch keine der beteiligten Behörden bereit, die Kosten für eine Datierung zu übernehmen. Daraufhin gab der gemeinnützige Arbeitskreis Kluterthöhle e.V. die Altersbestimmung (C14- Datierung) einer Schädeldecke auf eigene Kosten in Auftrag. Das Ergebnis war eine Sensation. Die untersuchte Schädeldecke war 10.700 Jahre alt. Der gut erhaltene Schädel des „Mädchens aus der Blätterhöhle“ ist immerhin noch 5.600 Jahre alt.

Blätterhöhlen Mädchen, AKKH, Hagen
Das Modell des gefundenen Schädels und das daraus rekonstruierte Aussehen des Mädchens aus der Blätterhöhle. Foto: G. Lintl

Unter großem öffentlichen Interesse wurde am letzten Freitag (17.07.15) das von der Rechtsmedizinerin Dr. Constanze Niess aufwändig rekonstruierte Gesicht der jungen Frau präsentiert. Das Steinzeitmädchen gehörte zur Gruppe der Jäger und Sammler. Diese lebten, und das ist eine neue Erkenntnis, die weltweit erstmalig durch Funde aus der Blätterhöhle belegt werden konnte, über einen längeren Zeitraum zugleich mit den Ackerbauern und Viehzüchtern. Hätte das Mädchen moderne Kleidung an, würde sie sich nicht von den heutigen Menschen im Aussehen unterscheiden.

Blätterhöhlen Mädchen, AKKH, Hagen
Rechtsmedizinerin Dr. Constanze Niess mit ihrem Werk. Foto: G. Lintl
Blätterhöhlen Mädchen, AKKH, Hagen
Lothar Kruse – einer der Entdecker – mit dem Höhlenplan der Blätterhöhle. Foto: G. Lintl

Im Westen was neues – Fortsetzung in der Tiefen Hardthöhle

Eine Höhlenbefahrung bei sommerlichen Temperaturen liefert nicht nur ein angenehme Abkühlung, sondern ist auch eine gute Gelegenheit, die durch die hohe Temperaturdifferenz verstärkte Bewetterung zu nutzen, um nach Neuland zu suchen. So wurde an diesem Wochenende am Ende des Westgangs in der Tiefen Hardthöhle an einer spürbar luftführenden Stelle gegraben. Früher als erwartet, konnte ein dort vorhandener Lehmpfropfen entfernt und weiter vorgedrungen werden. Vom Hauptgang geht fast rechtwinkelig  ein weiterer Gang ab, aus dem die Luft strömt. Beide Gänge sind jedoch sehr schmal, so dass das weitere Vordringen mühsam werden wird. Ein Video von „ganz vorne“ zeigt Einblick in das Neuland.

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Voller Einsatz im Schatten der Schwebebahn – In den neu gefundenen Gängen ist der Lehm zwar trocken, doch der Weg dorthin wird von feuchtem Lehm dominiert, wie unschwer zu erkennen ist.