Nichts als Höhlen – Höhlen als Nichts

Auf der Jahreshauptversammlung des gemeinnützigen Arbeitskreises Kluterthöhle e.V. wurde am 15.04.16 von unserem Kameraden Detlef Wegener ein Antrag gestellt, der aus nicht genauer belegten Gründen nicht angenommen wurde. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung für die Speläologie ist der Antrag hier nachzulesen:

Antrag auf Änderung des Vereinsnamens

Detlef Wegener

 Vorbemerkung:

Höhlenforschung ist bekannter Weise eine interdisziplinäre Wissenschaft. Dass Geologie, Biologie, Hydrologie und so fort Teilbereiche der Höhlenforschung sind, ist hinlänglich bekannt. Da die Geisteswissenschaften meines Erachtens in diesem Themenbereich deutlich unterrepräsentiert sind, habe ich mich der Speläologie aus Sicht der Philosophie genähert.

Ich befinde mich damit in bester Gesellschaft, da bereits im Jahr 1931 der bekannte deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky in seinem Essay Zur soziologischen Psychologie der Löcher“ festhielt: „Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.“

Per Definition ist – ebenso wie ein Loch – eine Höhle etwas, wo an einer Stelle, an der vorher etwas war – nämlich Fels -, nun nichts mehr ist. Das Gestein wurde durch Korrosion oder auch Erosion im Laufe von Jahrtausenden entfernt, so dass dort nun Nichts ist. Das Nichts darf auch nicht zu klein sein, sondern muss eine Mindestlänge von fünf befahrbaren Metern aufweisen. Sonst ist dort zwar auch nichts, wird aber nicht als Nichts nach der speläologischen Definition akzeptiert. Weiterhin wichtig für die Definition ist die Tatsache, dass die Entfernung des vormals vorhandenen Gesteins nicht von Menschenhand, sondern  durch natürliche Prozesse entstanden ist, so dass dort, wo vorher Fels war, nun natürlich Nichts ist. Dann ist das eine Höhle.

Wurde hingegen das vormals vorhandene Gestein auf künstliche Weise entfernt, so ist auch dort zwar Nichts, aber hier wird dann nicht von einer „Höhle“, sondern von einem „Stollen“ gesprochen. Dies ist dann kein natürliches, sondern ein künstliches Nichts – also nichts für Höhlenforscher.

Entsprechend der bekannten Problematik „Was wird aus einem Ofenrohr, wenn man das Blech abmacht?“ kann es passieren, dass das Nichts umgebende Gestein entfernt wird, wie es beispielsweise in Steinbrüchen oft geschieht. Dann ist dort nichts mehr – nicht mal mehr Nichts… Das ist dann sehr schade und wird in Fachkreisen allgemein bedauert. Deshalb finden besonders in noch in Betrieb befindlichen Steinbrüchen in unregelmäßigen Abständen unangekündigte (und meist ungenehmigte) Kontrollgänge statt, um zu sehen, ob man vielleicht irgendwo Nichts sieht, bzw. um festzustellen, ob bei neuen Sprengungen Nichts angeschnitten wurde. Da diese Kontrollgänge aus naheliegenden Gründen meist nachts stattfinden müssen, ist es naturgemäß oft schwierig, Nichts zu sehen, einfach weil man nichts sieht.

Zum Thema „Mensch und Loch“ (oder besser: „Mensch und Höhle“ oder noch besser: „Mensch und Nichts“) schreibt Tucholsky: „Wenn der Mensch ein Loch sieht, hat er das Bestreben es auszufüllen, dabei fällt er meist hinein. (…) Loch ist Schicksal.“

Für meisten der hier Anwesenden gilt ebenfalls: Loch (- also Höhlen – also Nichts -) ist ihr Schicksal! Auch sie haben (und jetzt bitte keine Hintergedanken!) das Bestreben, Löcher      (– also Höhlen – also Nichts –) ausfüllen zu wollen, möglichst mit dem beschlazten Körper. Sie versuchen, das Nichts so oft und so lange mit ihrem Körper auszufüllen, bis sie sich im Nichts auskennen.

Aber auch in bereits bekanntem Nichts suchen engagierte Zeitgenossen nach neuem Nichts. Sie graben mühsam im Lehm oder führen im das Nichts umgebende Gestein kleinere Sprengungen durch, um Nichts zu suchen. Leider ist die Suche oft vergeblich, denn meistens finden sie… nichts. Wenn sie aber doch nach langer, mühsamer Arbeit und Suche Nichts finden, ist die Begeisterung groß. Es ist immer wieder bemerkenswert, dass es Menschen gibt, die sich über Nichts freuen können.

Viele sind bereit, Geld dafür auszugeben, nur um Nichts zu sehen, so dass sogar Führungen angeboten werden, um ihnen Nichts zu zeigen. Staunend stehen die Menschen im Nichts und bewundern die Stellen, wo sie Nichts sehen. In aller Regel werden dafür aufwändige Lichtanlagen installiert, denn wenn diese nicht wären, sähe man ja im Dunkeln schließlich nichts.

Schlussfolgerung:

Analog zum neudeutschen Begriff „Political Correctness“ sollten wir, die wir uns ernsthaft mit Nichts beschäftigen, uns um eine gewisse „Speleological  Correctness“ bemühen und in entsprechenden Vorträgen und Publikationen nicht mehr den Begriff „Höhle“ verwenden, der wie eine verbale Mogelpackung fälschlicherweise suggeriert, dass etwas dort vorhanden sei, wo in Wirklichkeit Nichts ist. Das bislang verwendete Wort „Höhle“ führt also eher in die Irre.

Stattdessen sollte in Fachkreisen fortan konsequent nur noch der Begriff „Nichts“ Verwendung finden, da „Nichts“ die Vorgänge und Gegebenheiten unter der Erde exakter und präziser darstellt als das Wort „Höhle.

Gleichzeitig würde mit dem leider viel zu oft verwendeten Pleonasmus „unterirdische Höhle“ Schluss gemacht, denn während eine „Höhle“ per Definition unterirdisch ist, gibt es durchaus gravierende Unterschiede zwischen einem unterirdischen Nichts, einem ober-irdischen Nichts und einem überirdischen Nichts! (Das überirdische Nichts bezeichnet man als „Atheismus“, das oberirdische Nichts als „Bielefeld“.)

So sollten – im Bemühen um eine Speleological Correctness – ab sofort jene Nichtse, durch die Besucher geführt werden, um sich Nichts anzuschauen, als „Schaunichtse“ bezeichnet werden. Des Weiteren sollten wir zukünftig von „Nichtforschern“ oder „Nichttauchern“ sprechen, wir sollten in unserer Satzung festhalten, dass wir uns dem „Nichtsschutz“  (nicht zu verwechseln mit „Nichtsnutz“) verschrieben haben und unsere bekannteste Publikation (bislang „Höhlen und Karst in Ennepetal“) sollte umbenannt werden in „Nichts in Ennepetal“. Auch bin ich der Meinung, dass zum Schutz von Fledermäusen und andern Nichttieren das „Nichtrauchen“ unter Strafe gestellt werden sollte!

Ein Nicht-Eingang anstelle eines „Höhleneingangs“ würde überdies etliches an Kosten und Aufwand sparen, da keinerlei Tore und Schlösser mehr notwendig würden, denn ein Nicht-Eingang suggeriert ja deutlich, dass hier kein Eingang sei, folglich auch Nichts verschlossen werden muss.

Auch die Medizin könnte profitieren, denn eine Nasenneben-Nicht-entzündung beispiels-weise benötigt im Gegensatz zu einer Nasennebenhöhlenentzündung fortan keine Behandlung mehr!

Nichts würde unser Bemühen um eine ernsthafte Arbeit für Nichts deutlicher zeigen als die Umbenennung unseres Vereins in „Arbeitskreis Klutertnichts“, die ich hiermit beantrage.

So bräuchte auch unser verehrter Vorsitzender fortan seine Emails an unsere Mitglieder nicht mehr mit einem sexistischen „Hallo Mädels“ beginnen, sondern könnte sowohl die anwesenden als auch die nicht anwesenden Nichtforscher zukünftig geschlechtsneutral mit „Liebe Klutertnichtse“ begrüßen.

Verehrte Anwesende, liebe Mitglieder, ich fordere Euch nun also auf, über Nichts abzustimmen!

Danke sehr!

Ein Gedanke zu “Nichts als Höhlen – Höhlen als Nichts

  1. Der Antrag wurde abgelehnt, weil die anwesenden Vereinsmitglieder lieber mit „Hallo Mädels“ begrüßt werden wollten… 😉

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